Die Pein im Bein

Datum: Mittwoch Oktober 17, 2007
Posted in: Gesundheit

Schaufensterkrankheit Die „periphere arterielle Verschlusskrankheit” wird häufig unterschätzt. Mit oft dramatischen Folgen

Wenn Mediziner allzu sperrige Begriffe erfinden, dann weiß sich der Volksmund zu helfen. Zum Beispiel bei der „peripheren arteriellen Verschlusskrankheit” (PAVK oder AVK): Weil Laien die Wortschöpfung kaum stolperfrei aussprechen können, haben sie das Leiden „Schaufensterkrankheit” genannt. Von einem „Raucherbein” reden sie, wenn die Krankheit so weit fortgeschritten ist, dass ein Teil der Gliedmaße amputiert werden muss.
Die Bezeichnung „Schaufensterkrankheit” bezieht sich auf das Verhalten mancher Betroffener beim Spazierengehen: Immer wieder bleiben sie stehen, weil der Schmerz sie dazu zwingt. Wegen einer Engstelle in der Arterie erhält der dahinterliegende Teil des Beins zu wenig Sauerstoff. Das macht sich erst bei Anstrengung bemerkbar. Dürfen die Beine ruhen, lässt die Pein wieder nach.
Etwas Spöttisches hat der Begriff „Schaufensterkrankheit” schon an sich. Doch die Betroffenen sind keineswegs gehfaul. Sie können kaum auf dem kranken Bein stehen, sind langsam und unsicher, fallen häufig hin. Die Lebensqualität ist massiv eingeschränkt, viele werden depressiv und ziehen sich zurück.

Lebenserwartung deutlich verkürzt
„Was es bedeutet, nur noch ein paar Meter schmerzfrei gehen zu können”, sagt Professor Curt Diehm, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin am Klinikum Karlsbad-Langensteinbach, „das kann nur der wirklich ermessen, den es selbst getroffen hat.”
Bei rund fünf Prozent der Patienten wird innerhalb von 15 Jahren eine Amputation nötig. Schlimmer noch: Die AVK geht mit einem stark erhöhten Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall einher. Denn selten sind nur die Beingefäße verengt. Binnen fünf Jahren stirbt etwa jeder vierte Betroffene – eine höhere Quote als zum Beispiel bei Brustkrebs. Im Schnitt ist die Lebenserwartung um zehn Jahre verkürzt. Das gilt selbst dann, wenn das Leiden noch keine Beschwerden macht. „Was lange in jedem Lehrbuch stand, hat sich als falsch erwiesen”, erklärt Curt Diehm. „Nur eine Minderheit der Patienten hat Symptome.”

Einfache Diagnosemethode
Dass die Arterie dennoch schon verengt ist, können Ärzte mit einer simplen Methode erkennen: Sie messen den Blutdruck am Unterarm sowie direkt oberhalb des Knöchels und teilen die beiden höheren Werte durch einander. Ist dieser „Knöchel-Arm-Index” auf einer Körperseite kleiner als 0,9, zählt der Untersuchte zur Risikogruppe.
Für die einfach zu erlernende und treffgenaue Messung benötigen Ärzte lediglich ein Blutdruck-Messgerät und eine sogenannte Dopplersonde, um den Blutfluss abzuhören.
Dennoch wird die Methode selten eingesetzt – nicht nur, weil sie keine Kassenleistung ist. „Viele Ärzte nehmen die Betreuung dieser Patienten nicht immer ernst”, beklagt Professor Karl Ludwig Schulte, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Angiologie (Gefäßmedizin). „Wenn es beim Gehen wehtut, gibt man mitunter nur ein Medikament und schaut nicht genauer hin.” Häufig sei Medizinern nicht ausreichend bewusst, dass es bei der AVK um mehr als die Beine gehe.
Mit einer groß angelegten, repräsentativen Untersuchung wollten Gefäßmediziner die Aufmerksamkeit für die Krankheit erhöhen. 344 deutsche Hausärzte ermittelten bei 6880 zufällig ausgewählten Patienten den Knöchel-Arm-Index, von den Ärzten kurz ABI (englisch: ankle brachial index) genannt. Die von einer Pharmafirma finanzierte Studie (siehe Interview unten) bestätigte einmal mehr, dass die AVK mehr Aufmerksamkeit verdient – auch dann, wenn sie im Stillen verläuft und noch nicht als „Schaufensterkrankheit” auffällt.

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