Als Kapseln gibt es sie inzwischen in jedem Supermarkt: die Extrakte von Heilpflanzen, die nich viel kosten. Ein kleines Brevier über heilsame Wurzeln und Blätter.
Gegen viele Leiden ist durchaus ein Kraut gewachsen – und immer öfter steht es in den Regalen von Drogerie- und Supermärkten. Dort liegen dann alle beieinander: die Johanniskrautpillen, der Kamillenextrakt, die Baldriandragees oder die Ginkgokapseln. Das Sortiment wächst beständig, denn „grüne” Medizin liegt im Trend. Schließlich gelten Heilkräfte der Natur vielen als unbedenkliche und verträgliche Alternative zur Chemie aus dem Labor. „Die Risiken von pflanzlichen Arzneimitteln sind relativ gering”, bestätigt Barbara Steinhoff, Pharmazeutin beim Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller in Bonn. Dabei ist der Übergang zwischen Nahrungsmittel und Medizin oftmals fließend. Ein Kamillentee ist eigentlich kein Arzneimittel und hilft dennoch, wenn der Magen zwickt. Die duftenden Blüten können sogar noch mehr: Sie wirken entzündungshemmend und krampflösend. So hilft ein Dampfbad mit Kamille, wenn die Atemwege rasseln. Aber auch wenn eine Wunde schlecht heilt, kann ein Kamillenbad die Lösung sein.
Baldrian beruhigt
Ein Klassiker der Naturheilkunde ist der Baldrian. Seine Wurzeln, die nach dem Trocknen einen typischen Geruch entwickeln, sorgen für ein gesundes Gleichgewicht zwischen Schlafen und Wachen. Denn Baldrian wirkt beruhigend auf das Nervensystem. Er lindert geistige Überarbeitung und Stress. Entspannend wirkt nicht nur die Einnahme entsprechender Kapseln, die es inzwischen in vielen Drogeriemärkten gibt. Ein Baldrianbad kann wahre Wunder vollbringen, wenn der Rücken nach einem langen Arbeitstag verspannt ist oder die Muskeln nach zu hartem Training schmerzen. Einfach 100 Gramm Wurzelpulver mit kochendem Wasser übergießen und den Aufguss nach zehn Minuten Ziehen ins Badewasser abseihen.
Das wohltuende Wurzelpulver ist darüber hinaus ein äußerst wirksames Medikament. Einer klinischen Vergleichsstudie zufolge ist es je nach Dosierung ebenso wirkungsvoll wie das synthetische Schlafmittel Oxazepam – nur dauert es etwas länger, bis sich der gewünschte Effekt einstellt. Das ist ein ganz normales Phänomen bei natürlichen Heilmitteln. „Die Wirkung setzt häufig erst später ein als bei synthetischen Präparaten”, erläutert Pharmazeutin Steinhoff. „Deshalb werden sie meist zur chronischen Therapie verwendet.”
Selbst wenn der erhoffte Effekt sich vielfach langsamer entfaltet: Der Umgang mit pflanzlichen Arzneimitteln sollte wohlüberlegt sein. Vor der Einnahme mit einem Arzt oder Apotheker Rücksprache zu halten ist in jedem Fall empfehlenswert.
Das zeigt das Beispiel Johanniskraut, das seinen Namen vom Johannistag, dem 24. Juni, hat. Zu dieser Zeit steht die Pflanze in voller gelber Blüte und kann geerntet werden. Die Wirkung von Johanniskraut gegen leichte bis mittlere Depressionen ist nachgewiesen. Darüber hinaus werden Johanniskrautextrakte traditionell auch gegen Erkrankungen der Atemwege, Gastritis, Gicht, Rheuma oder Hexenschuss eingesetzt. Die Einnahme ist jedoch mit Vorsicht zu genießen – allein schon deshalb, weil die Fülle an Johanniskrautprodukten überaus groß ist.
Wer das Kleingedruckte überliest und einfach zur nächstbesten Schachtel greift, ist schlecht beraten. „Das Johanniskraut im Supermarkt oder in der Drogerie ist ein frei verkäufliches Arzneimittel und niedriger dosiert als das aus der Apotheke”, mahnt Arzneimittelexpertin Steinhoff. Und eine geringere Dosis bedeutet auch eine geringere Wirkung. Das zeigt ein einfaches Beispiel. So ist auf einigen Beipackzetteln von Johanniskrautprodukten angegeben, wie viel „Droge”, also wie viel pflanzlicher Ausgangsstoff, für ein Dragee verwendet wurde. Auf anderen Packungen ist die Menge Trockenextrakt aufgeführt. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte beziffert eine wirksame mittlere Tagesdosis mit zwei bis vier Gramm des Ausgangsstoffs. Die Präparate aus Drogerien und Supermärkten dürfen jedoch maximal die Menge Wirkstoff enthalten, die in einem Gramm getrockneter Pflanze enthalten ist. Das ist nur etwa ein Viertel dessen, was nötig ist, um eine nachhaltige Wirkung zu entfalten.
Nicht nur die Dosierung hat es in sich – auch Heilpflanzen können schädliche Nebenwirkungen haben. So hellt beispielsweise Johanniskraut in der richtigen Dosierung zwar die Stimmung auf, kann aber gleichzeitig die Wirkung einiger anderer Medikamente reduzieren. Weil diese unerwünschten Begleiterscheinungen im Beipackzettel aufgelistet sind, sollte dieser aufmerksam gelesen werden.
Ginkgo fördert das Gedächtnis
Besonders groß ist das Angebot an Heilpflanzen, die das Wohlbefinden sanft unterstützen. Zu den beliebtesten gehören neben Johanniskraut und Baldrian auch Exrrakte aus den Blättern des Ginkgo, welche die Durchblutung des Gehirns fördern – und mithin die Leistung des Gedächtnisses. Sie sollen auch das Fortschreiten von Demenzerkrankungen verlangsamen. Zu Ginkgo gibt es, anders als zu vielen anderen natürlichen Wirkstoffen, bislang keine synthetische Alternative. Die Wirkstoffe aus dem lebenden Fossil Ginkgo biloba sind so komplex, dass es noch nicht gelungen ist, sie vollständig „nachzubilden”.
Die heilenden Wirkstoffe der Teufelskralle wiederum dienen als Kur für schmerzende Gelenke. Allerdings setzt die Wirkung der Bitterstoffe aus der in Afrika beheimateten Pflanze erst nach zwei bis vier Wochen ein. Dann schwellen die Gelenke ab, und der Schmerz lässt nach. Ihren Namen verdankt die Teufelskralle übrigens ihrer „Anhänglichkeit”: Ihre Früchte haben kleine Widerhaken, die sich an vorbeistreifende Tiere heften.
Wer bei diesen wie bei anderen pflanzlichen Arzneien ein sicheres Mittel mit hoher Qualität und Wirksamkeit nutzen möchte, sollte beim Kauf auf das Kleingedruckte achten. Ein geprüftes Arzneimittel hat eine Reeisternummer und darüber hinaus sind auf der Verpackung oder dem Beipackzettel Anwendungsgebiet, Dosierung und mögliche Risiken beschrieben. Selbst wenn pflanzliehe Extrakte für zahlreiche Leiden Linderung versprechen: Sorgfalt und Augenmaß sind auch im Umgang mit Heilpflanzen durchaus geboten.
